Vor drei Jahren war ich ein unglücklicher Mensch. Ich habe mich mit mir und meinem Leben nicht wohlgefühlt. Ich habe mich für unfähig und wertlos gehalten. Ich war davon überzeugt, nichts Gutes zu verdienen.
Damals gab es einen Menschen, der mir geholfen hat. Der mir über Monate hinweg immer wieder gesagt hat, dass ich Besseres verdient habe. So lange, bis ich ihm geglaubt habe. Bis ich begriffen habe, dass ich kein wertloses Etwas bin und mich nicht wie Dreck behandeln lassen muss.
Seitdem ist viel passiert.
Ich habe nach viel zu langer Zeit eine viel zu kräftezehrende, ungesunde Beziehung beendet. Auch heute hängt mir diese Phase meines Lebens immer noch nach, aber inzwischen kann ich immer öfter darüber lachen. Ich habe den Menschen getroffen, der mir den Glauben an mich selbst zurückgegeben hat. Ich habe Chancen genutzt und Freundschaften beendet. Ich bin allein nach London geflogen, um diesen für mich so wertvoll gewordenen Menschen zu besuchen. Ich bin aus der WG ausgezogen und habe fast schon nebenbei meine erste ganz eigene Wohnung gesucht, gefunden, bezogen. Ich habe temporäre Jobangebote angenommen und mich durchgebissen. Ich habe nach langen Jahren endlich eingesehen, dass es mir wirklich nicht so richtig gut geht und ich Hilfe in Anspruch nehmen muss. Ich habe angefangen, Antidepressiva zu nehmen und mich damit besser zu fühlen. Ich habe die Freiheiten einer eigenen Wohnung ausgenutzt. Ich habe Weiterbildungskurse besucht. Ich habe den Rocker kennengelernt. Ich habe wieder angefangen zu arbeiten. Ich habe liebe Menschen beerdigen müssen. Ich habe inzwischen ein Haustier.
Ich habe mich weiterentwickelt. Ich habe ganz ordentlich abgeliefert, wie man so schön sagt. Ich könnte durchaus stolz auf mich sein.
Tatsächlich aber bin ich das heulende Elend. Schon wieder. Ich fühle mich wertlos und unfähig. Ich gehe nicht mehr gerne zur Arbeit, weil die dort vorherrschenden Zustände schon (fast) an Mobbing grenzen. Ich rede mir ein, das mir entgegengebrachte Verhalten selbst verschuldet zu haben. Weil ich dumm und unfähig bin. Weil ich keine gute Arbeit leiste. Weil ich hässlich bin und nerve. Weil ich eben nichts weiter als ein Stück lästiger Dreck bin. Wenn ich angeschrien werde und zurückschreie, fühle ich mich hinterher schuldig. Auch wenn nicht ich diejenige war, die mit beleidigenden Äußerungen um sich geworfen hat. Es ist ein Trauerspiel.
Und dafür verantwortlich ist ausgerechnet der Mensch, der mich vor drei Jahren wieder zur Vernunft gebracht. Der mich lange als seine Zwillingsseele bezeichnet hat. Der Mensch, der mich binnen zwei Wochen nach seinem Abflug ans andere Ende der Welt durch eine jüngere, moppeligere Version meiner selbst ersetzt hat. Es ist ein beschissenes Gefühl, in so vielerlei Hinsicht. Ich wollte nicht, also hat er sich sie ausgesucht und das große Glück in wahren Bilderfluten sichtbar gemacht. Ich habe versucht, darüber hinwegzusehen. Was soll ich mit einem cholerischen, manipulativen Zwerg? Aber trotzdem wurmt es mich so sehr, dass es mein komplettes Leben zu beeinflussen scheint und die falschen Menschen darunter leiden lässt.
Ich kann nicht mehr richtig lachen und bin mürrisch. Ich fühle mich minderwertig und kann nicht verstehen, was ich falsch gemacht habe. Denn natürlich ist mir klar, dass ich etwas falsch gemacht haben muss. Schließlich mache ich immer alles falsch. Es ist zum Kotzen. Ich will das so nicht mehr. Der Stress im Büro ist genug, ich will nicht auch noch unter etwas Anderem leiden müssen. Also habe ich nachgedacht. Viel. Lange. Mit einem Kloß im Hals und einem Messer im Herzen. Meine vermeintliche Zwillingsseele hat mich ersetzt. Sie ist seit über einer Woche zurück vom Ende der Welt und hat sich nicht bei mir gemeldet. Es ist unübersehbar, dass ich “raus” bin. Es tut weh, aber irgendwann wird auch das vorbei sein. Hoffe ich.